wiki:1762_ansquer_jordan_varietes
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| wiki:1762_ansquer_jordan_varietes [2026/05/26 03:29] – [Von dem Nutzen des Reisens] Norbert Lüdtke | wiki:1762_ansquer_jordan_varietes [2026/05/26 05:13] (aktuell) – [74] Norbert Lüdtke | ||
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| - | Das französische Original wird '' | + | Das französische Original |
| - | ===== Neuntes Hauptstück ===== | + | |
| - | ==== Von dem Nutzen des Reisens. ==== | + | ===== Neuntes Hauptstück: |
| Eine Schwalbe auf ihren Reisen. | Eine Schwalbe auf ihren Reisen. | ||
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| ((Avoit beaucoup appris. Quiconque a beaucoup vu, Peut avoir beaucoup retenu. La Fontaine Liv. I. fab. 8.)) Die sinnreiche Schutzschrift, | ((Avoit beaucoup appris. Quiconque a beaucoup vu, Peut avoir beaucoup retenu. La Fontaine Liv. I. fab. 8.)) Die sinnreiche Schutzschrift, | ||
| - | Mir ist nicht unbekannt, daß strenge Sittenlehrer mit starker Stimme wider das Reisen gesprochen ((Ganz besonders '' | + | Mir ist nicht unbekannt, daß strenge Sittenlehrer mit starker Stimme wider das Reisen gesprochen ((Ganz besonders '' |
| - | === 56 === | + | |
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| als wäre das Reisen ein Verderbniß der Sitten der Jugend: Allein, werden wir dann immer den Misbrauch, der auch von den besten und nützlichsten Dingen gemacht wird, mit der wesentlichen Güte derselben verwirren? | als wäre das Reisen ein Verderbniß der Sitten der Jugend: Allein, werden wir dann immer den Misbrauch, der auch von den besten und nützlichsten Dingen gemacht wird, mit der wesentlichen Güte derselben verwirren? | ||
| - | Daß Menschen, die mit bösen und verkehrten Neigungen gebohren werden, von einem Weltende zu dem andern gewanderet, und ihre bösen Herzen und garstigen Sitten in ihr Vaterland zurück gebracht haben, was läßt sich wider das Reisen schließen? Fliehet man dann sich selbst, wenn man auch über die Gränze der Welt fliehet? | + | Daß Menschen, die mit bösen und verkehrten Neigungen gebohren werden, von einem Weltende zu dem andern gewanderet, und ihre bösen Herzen und garstigen Sitten in ihr Vaterland zurück gebracht haben, was läßt sich wider das Reisen schließen? Fliehet man dann sich selbst, wenn man auch über die [[grenze|Gränze]] der [[Welt |Welt]] |
| - | Wir wollen über die kleine Steine hinüber schreiten, die dem Reisenden in dem Wege liegen könnten, um die wesentlichen Vortheile zu berühren. | + | Wir wollen über die kleine Steine hinüber schreiten, die dem [[Reisende|Reisenden]] in dem [[Weg|Wege]] liegen könnten, um die wesentlichen Vortheile zu berühren. |
| - | Es wurde unnütz seyn, zur Anempfehlung des Reisens die Beyspiele der Alten vorzufordern. Wer noch nicht weis, daß die schönsten Geister des Alterthums ein Democrit, ein Plato, ein Empedokles, ein Pythagoras in die entferntesten Länder gereiset, um die seltensten Schätze, mit denen sie ihre Werke bereichert, aufzusuchen, | + | Es wurde unnütz seyn, zur Anempfehlung des [[Reisen|Reisens]] die Beyspiele der Alten vorzufordern. Wer noch nicht weis, daß die schönsten Geister des Alterthums ein '' |
| Die Ufer der Tyber waren es gewiß nicht, an denen die Schriftsteller des alten Roms ihren feinen Geschmack, ihre scharfsinnigen und witzigen Redensarten, | Die Ufer der Tyber waren es gewiß nicht, an denen die Schriftsteller des alten Roms ihren feinen Geschmack, ihre scharfsinnigen und witzigen Redensarten, | ||
| - | === 57 === | + | ==== 57 ==== |
| - | ausmachen, erlernet haben. Hätte Titus Livius die Schule zu Athen besuchet, man würde die von seiner Vaterstadt geerbte beleidigenden Ausdrücke an ihm zu tadeln nicht gefunden haben ((Titus Livius hätte sich von den Fehlern seiner Landesart von dem Mangel der Höflichkeit, | + | ausmachen, erlernet haben. Hätte |
| - | Das Reisen reiniget den Geschmack, vermehret die Bilder, zerstäubet die Vorurtheile, | + | Das Reisen reiniget den Geschmack, vermehret die Bilder, zerstäubet die Vorurtheile, |
| Nenne man mir eine Profession, der nicht das Reisen Vortheile schafft? Man wird nicht läugnen, daß die Reisen für den Soldatenstand, | Nenne man mir eine Profession, der nicht das Reisen Vortheile schafft? Man wird nicht läugnen, daß die Reisen für den Soldatenstand, | ||
| - | === 58 === | + | ==== 58 ==== |
| - | liefern! Mit einem Worte: welche Kriegsübungen erfordern nicht eine vollkommene Erkenntniß der Beschaffenheit des Volkes, wider welches man den Krieg führet, und des Landes, auf dem man das Kriegstheater aufzuschlagen gedenkt ? Man darf sich gar nicht schmäucheln, | + | liefern! Mit einem Worte: welche Kriegsübungen erfordern nicht eine vollkommene Erkenntniß der Beschaffenheit des Volkes, wider welches man den Krieg führet, und des Landes, auf dem man das Kriegstheater aufzuschlagen gedenkt ? Man darf sich gar nicht schmäucheln, |
| - | Was wurde die Staatskunst Richtiges und Gerechtes über die verschiedenen Zwistigkeiten der Gesetzgebung entscheiden können, wenn sie keine Erfahrung auf Reisen eingeholet? Wie würde sie die Schattirungen oder politischen Züge, die so verschiedene Regierungsformen bilden, entdecken? Wie würde sie die Grundsätze auseinander sehen, welche die Macht der einen Monarchie befestigen, da sie den Umsturz einer andern nach sich ziehen würden? Der bloße Verstand ist nicht hinlänglich, | + | Was wurde die Staatskunst Richtiges und Gerechtes über die verschiedenen Zwistigkeiten der Gesetzgebung entscheiden können, wenn sie keine Erfahrung auf Reisen eingeholet? Wie würde sie die Schattirungen oder politischen Züge, die so verschiedene Regierungsformen bilden, entdecken? Wie würde sie die Grundsätze auseinander sehen, welche die Macht der einen Monarchie befestigen, da sie den Umsturz einer andern nach sich ziehen würden? Der bloße Verstand ist nicht hinlänglich, |
| - | Fühlest du in deiner Seele die göttliche Flamme eines durchdringenden Verstandes; mache dich eilends auf den Weg: nichts, als das Reisen kann diesem Feuer, so deinen Geist verzehret, Nahrung geben. Die bloße Besichtigung des Cap des Tourmentes hat dem Verfasser | + | Fühlest du in deiner Seele die göttliche Flamme eines durchdringenden Verstandes; mache dich eilends auf den Weg: nichts, als das Reisen kann diesem Feuer, so deinen Geist verzehret, Nahrung geben. Die bloße Besichtigung des [[kap|Cap]] des Tourmentes hat dem Verfasser |
| - | === 59 === | + | ==== 59 ==== |
| - | der Lusiade jenes Meisterstuck von Gemälden ((Man lese in dem fünften Gesange die 39 Strophe, die anfängt Nao acabaya, quando hua figura. Dichter, die ein großes Werk schreiben wollen, können das Reisen nicht entbehren. Muratorius erzählt, daß, als Tasso zu dem Ende seines befreyten Jerusalems geeilet, habe er seine Einbildung ganz entschöpfet gefunden, und er habe eine Reise vornehmen müssen, um selbe mit neuen Bildern anzufüllen.)) in seinem fünften Gesange eingegeistet, | + | der Lusiade jenes Meisterstuck von Gemälden ((Man lese in dem fünften Gesange die 39 Strophe, die anfängt |
| - | Hat die Naturgeschicht Reizungen für dich: Schiffe dich ungesäumt ein, entfernte Eyländer zu besuchen. Hätte Turnefort nur auf den Feldern, die unsre Hauptstadt umgeben, Kräuter gesuchet, würde er die Kräuterwissenschaft mit so unzähligen heilsamen Pflanzen, und seltenen Gewächsen bereichert haben? | + | Hat die Naturgeschicht Reizungen für dich: Schiffe dich ungesäumt ein, entfernte |
| - | Woher hat die Sternsehekunst diese Vollkommenheit erreichet, als durch die Reisen? Sind es die Wart und Schauthurme, | + | Woher hat die Sternsehekunst diese Vollkommenheit erreichet, als durch die Reisen? Sind es die Wart- und Schauthurme, |
| - | Findest du Geschmack an den Alterthümern? | + | Findest du Geschmack an den Alterthümern? |
| - | === 60 === | + | ==== 60 ==== |
| Bist du zu dem Throne gebohren; so muß dir ausgelegen seyn, die Neigungen deiner Völker kennen zu lernen. Durchwandere also die Provinzen, die deinen Gesetzen gehorsamen sollen. Besichtige auch die fremde Staaten, mit denen das Interesse der Deinigen dich vieleicht einst verwickeln, und zu ernsthaften Schritten verleiten könnte. Hätte die weichliche Unthätigkeit den '' | Bist du zu dem Throne gebohren; so muß dir ausgelegen seyn, die Neigungen deiner Völker kennen zu lernen. Durchwandere also die Provinzen, die deinen Gesetzen gehorsamen sollen. Besichtige auch die fremde Staaten, mit denen das Interesse der Deinigen dich vieleicht einst verwickeln, und zu ernsthaften Schritten verleiten könnte. Hätte die weichliche Unthätigkeit den '' | ||
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| Es sind gewisse Länder, wohin man den jungen Adel seine Reise thun läßt; aber welchen Nutzen können dieselbe verschaffen? | Es sind gewisse Länder, wohin man den jungen Adel seine Reise thun läßt; aber welchen Nutzen können dieselbe verschaffen? | ||
| - | === 61 === | + | ==== 61 ==== |
| - | Wie viele jungen Milords, die wir mit kindischen Mienen und ungeschliffenen Sitten zu Paris haben aus ihrem Wagen steigen gesehen, sind nach zweyen Jahren noch eben so ungebildet, und vieleicht noch häßlicher gebildet in selbem zurückgekehret, | + | Wie viele jungen Milords, die wir mit kindischen Mienen und ungeschliffenen Sitten zu Paris haben aus ihrem Wagen steigen gesehen, sind nach zweyen Jahren noch eben so ungebildet, und vieleicht noch häßlicher gebildet in selbem zurückgekehret, |
| - | Lasset uns demnach durch die Mängel unsrer Nachbarn klüger werden; lasset uns unsre jungen Herren nicht eher aus Reisen schicken, als bis sie Das zwanzigste Jahr ihres Alters erreichet. Sie sollen an ihren Mentoren oder Hofmeistern kluge und aufgeklärte Freunde haben, die durch ihre schon erlangte und wohl verdaute Erkenntniß sie zubereiten können, jenes in fremden Ländern mit Frucht und Nutzen zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit verdienen kann. Sie sollen wenigst eine kleine Wissenschaft der Muttersprache der Lånder, die sie zu durchreisen gedenken, zum Voraus besitzen. Die ältern und neuern Geschichte sollen für sie ihre Schätze nicht ganz verschlossen haben; und sie sollen nicht ganz Fremdlinge in den schönen Wissenschaften seyn. Wie viele vermeynte Liebhaber derselben haben Reisen gethan, die nicht | + | Lasset uns demnach durch die Mängel unsrer Nachbarn klüger werden; lasset uns unsre jungen Herren nicht eher aus Reisen schicken, als bis sie Das zwanzigste Jahr ihres Alters erreichet. Sie sollen an ihren Mentoren oder [[Hofmeister|Hofmeistern]] kluge und aufgeklärte Freunde haben, die durch ihre schon erlangte und wohl verdaute Erkenntniß sie zubereiten können, jenes in fremden Ländern mit Frucht und Nutzen zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit verdienen kann. Sie sollen wenigst eine kleine Wissenschaft der Muttersprache der Länder, die sie zu durchreisen gedenken, zum Voraus besitzen. Die ältern und neuern Geschichte sollen für sie ihre Schätze nicht ganz verschlossen haben; und sie sollen nicht ganz Fremdlinge in den schönen Wissenschaften seyn. Wie viele vermeynte Liebhaber derselben haben Reisen gethan, die nicht |
| - | === 62 === | + | ==== 62 ==== |
| - | einmal den Pensel des Raphaels von jenem des Perugino unterscheiden können ((Man kann der Jugend diese Wahrheit nicht genug einprägen. Wie viele Jünglinge treten die Reisen in die große Welt an, ohne daß sie auch die geringste Erkenntniß von den gemeinsten Dingen haben. Daher kommen die dummesten Reden, die ihnen zu Zeiten entfallen. Dergleichen war die Antwort eines Deutschen, den der Pabst fragte, ob er alle Seltenheiten der Stadt Rom gesehen: Ich habe alles gesehen, sagte er, und es ist nichts mehr übrig, als daß ich noch vor meiner Abreise ein Conclave (eines Pabstes Wahl) sehe + Sind es aber die Deutschen alleine, die als Gånse über Meer fliegen, und als Gacker zuruckkehren? | + | einmal den Pensel des Raphaels von jenem des Perugino unterscheiden können ((Man kann der Jugend diese Wahrheit nicht genug einprägen. Wie viele Jünglinge treten die Reisen in die große Welt an, ohne daß sie auch die geringste Erkenntniß von den gemeinsten Dingen haben. Daher kommen die dummesten Reden, die ihnen zu Zeiten entfallen. Dergleichen war die Antwort eines Deutschen, den der Pabst fragte, ob er alle Seltenheiten der Stadt Rom gesehen: Ich habe alles gesehen, sagte er, und es ist nichts mehr übrig, als daß ich noch vor meiner Abreise ein Conclave (eines Pabstes Wahl) sehe + Sind es aber die Deutschen alleine, die als Gånse über Meer fliegen, und als Gacker zuruckkehren? |
| Das hieße sehr wenig auf seinen Reisen gewonnen zu haben, wenn man seine Wißbegierde dahin einges schränket hätte, nur die Paläste, die Tempel, die Triumphbogen, | Das hieße sehr wenig auf seinen Reisen gewonnen zu haben, wenn man seine Wißbegierde dahin einges schränket hätte, nur die Paläste, die Tempel, die Triumphbogen, | ||
| - | === 63 === | + | ==== 63 ==== |
| - | Gebräuche und Gewohnheiten eine Verachtung oder höhnisches Lächeln blicken zu lassen. Nichts ist gehässiger, | + | Gebräuche und Gewohnheiten eine Verachtung oder höhnisches Lächeln blicken zu lassen. Nichts ist gehässiger, |
| Würden unsre jungen Leute vom Stande auf solche Art in Zeit von vier oder fünf Jahren Europa durchreisen; | Würden unsre jungen Leute vom Stande auf solche Art in Zeit von vier oder fünf Jahren Europa durchreisen; | ||
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| Aber wie? Soll dann das Reisen nur für den reichen Adel bestimmet, und die geschickten Geister, die in der Dürftigkeit schmachten, sollen von einem so geschickten Mittel, sich nutzbar zu bilden, ausgeschlossen seyn? Nein; die Großmüthigkeit und die Freygebigkeit großer Monarchen werden die Unbilligkeit ihres | Aber wie? Soll dann das Reisen nur für den reichen Adel bestimmet, und die geschickten Geister, die in der Dürftigkeit schmachten, sollen von einem so geschickten Mittel, sich nutzbar zu bilden, ausgeschlossen seyn? Nein; die Großmüthigkeit und die Freygebigkeit großer Monarchen werden die Unbilligkeit ihres | ||
| - | === 64 === | + | ==== 64 ==== |
| - | Schicksals zu ersehen wissen (i). Ein ansehnlicher Vorschuß, der eine Frucht ihrer Frengebigkeit | + | Schicksals zu ersehen wissen |
| - | === 65 === | + | ==== 65 ==== |
| Reiset also ab, ihr Kinder des guten Geschmackes! gehet hin in ferne Länder, den edeln und köstlichen Saft zu schlurfen, der euch zur Nahrung dienen kann. | Reiset also ab, ihr Kinder des guten Geschmackes! gehet hin in ferne Länder, den edeln und köstlichen Saft zu schlurfen, der euch zur Nahrung dienen kann. | ||
| - | === 66 === | + | ==== 66 ==== |
| Und, da ihr die Wohlthaten euerer Souverainen genießet, machet der ganzen Welt die Stimme euerer Dankbarkeit bekannt. | Und, da ihr die Wohlthaten euerer Souverainen genießet, machet der ganzen Welt die Stimme euerer Dankbarkeit bekannt. | ||
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| Ehe ihr abstoßet, fremde Seltenheiten zu betrachten, lernet erst die ausnehmende eueres Vaterlandes | Ehe ihr abstoßet, fremde Seltenheiten zu betrachten, lernet erst die ausnehmende eueres Vaterlandes | ||
| - | === 67 === | + | ==== 67 ==== |
| kennen. ((Nichts ist schimpflicher, | kennen. ((Nichts ist schimpflicher, | ||
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| Man würde sehr unrichtig von dem Charactere einer ganzen Nation urtheilen, wenn man von den Sitten des Pöbels auf die Sitten der Bürger schließen wollte. Der Pöbel, ich gebe es zu, ist allezeit Pöbel; doch ist er nicht durchaus in allem ebenderselbe. Der Niederländer, | Man würde sehr unrichtig von dem Charactere einer ganzen Nation urtheilen, wenn man von den Sitten des Pöbels auf die Sitten der Bürger schließen wollte. Der Pöbel, ich gebe es zu, ist allezeit Pöbel; doch ist er nicht durchaus in allem ebenderselbe. Der Niederländer, | ||
| - | === 68 === | + | ==== 68 ==== |
| sieht den großen Riesen ((Die in Flandern gewesen, die wissen, daß man alle Jahre in den größten Städten dieses Landes dem Volke prächtige Schauspiele mit vielen Kosten aufstelle. Jenes zu Dovay nennt man das Fest des grofen Riesen; es besteht in dem, daß man einen Riesen von Weidenbäumen mit erstaunlichem Prachte auf den Strafen umher spazieren läßt)); Der Landmann, den der Klang der Schalmeye an dem Rande der Durance entzücket, überläßt sich der Freude; aber ihre Freuden sind unterschieden. | sieht den großen Riesen ((Die in Flandern gewesen, die wissen, daß man alle Jahre in den größten Städten dieses Landes dem Volke prächtige Schauspiele mit vielen Kosten aufstelle. Jenes zu Dovay nennt man das Fest des grofen Riesen; es besteht in dem, daß man einen Riesen von Weidenbäumen mit erstaunlichem Prachte auf den Strafen umher spazieren läßt)); Der Landmann, den der Klang der Schalmeye an dem Rande der Durance entzücket, überläßt sich der Freude; aber ihre Freuden sind unterschieden. | ||
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| Nachdem du die Hauptstädte (Frankreichs) durchreiset hast; übersteige die pyrenäischen Gebirge. Noch weit unzugänglichere Schranken schieden ehemal Spanien und Frankreich voneinander: | Nachdem du die Hauptstädte (Frankreichs) durchreiset hast; übersteige die pyrenäischen Gebirge. Noch weit unzugänglichere Schranken schieden ehemal Spanien und Frankreich voneinander: | ||
| - | === 69 === | + | ==== 69 ==== |
| die dieses Volk auf eine gezwungene Art sich angewöhnet, | die dieses Volk auf eine gezwungene Art sich angewöhnet, | ||
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| Du wirst gelesen haben, daß die Spanier an schwülstiger Pralerey fruchtbar seyn. Suche aber erst, diese Aufbürdung selbst zu erfahren, ehe du sie glaubest. Ganze Nationen sind eben so gut, als Private Menschen, den Pfeilen der Verläumdung ausgesetzet. | Du wirst gelesen haben, daß die Spanier an schwülstiger Pralerey fruchtbar seyn. Suche aber erst, diese Aufbürdung selbst zu erfahren, ehe du sie glaubest. Ganze Nationen sind eben so gut, als Private Menschen, den Pfeilen der Verläumdung ausgesetzet. | ||
| - | === 70 === | + | ==== 70 ==== |
| Vieleicht hat man die Gesinnungen, | Vieleicht hat man die Gesinnungen, | ||
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| Von Madrit reise nach Lisabon. Bewundere die Mäßigung ihres Himmelsstriches, | Von Madrit reise nach Lisabon. Bewundere die Mäßigung ihres Himmelsstriches, | ||
| - | === 71 === | + | ==== 71 ==== |
| Kunst, Menschen zu beherrschen, | Kunst, Menschen zu beherrschen, | ||
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| Mache dir hierauf das Vergnügen, den Gegenpart zu sehen. Verlaß das Volk, so die appenninische Gebirge umgränzen, um ein anders, so weit einfachere und naturlichere Sitten hat, zu besuchen. Der Deutsche wird zwar nicht dich durch den Flitterschimmer des Witzes entzücken, und er wird auch sich keine Mühe geben, dich durch eine gezwungene und gekunstelte Höflichkeit einzunehmen; | Mache dir hierauf das Vergnügen, den Gegenpart zu sehen. Verlaß das Volk, so die appenninische Gebirge umgränzen, um ein anders, so weit einfachere und naturlichere Sitten hat, zu besuchen. Der Deutsche wird zwar nicht dich durch den Flitterschimmer des Witzes entzücken, und er wird auch sich keine Mühe geben, dich durch eine gezwungene und gekunstelte Höflichkeit einzunehmen; | ||
| - | === 72 === | + | ==== 72 ==== |
| Er wird zwar jenes Muntere, und Scherzhafte, | Er wird zwar jenes Muntere, und Scherzhafte, | ||
| - | === 73 === | + | ==== 73 ==== |
| zu thun, so kannst du dich darauf verlassen. Dieses ist, was er wird wollen, und auch wird können. Ein Wort seines Mundes wird ein Eid, und ein Eid sein Heiligstes seyn. | zu thun, so kannst du dich darauf verlassen. Dieses ist, was er wird wollen, und auch wird können. Ein Wort seines Mundes wird ein Eid, und ein Eid sein Heiligstes seyn. | ||
| Zeile 142: | Zeile 142: | ||
| Besuche hierauf den edeln Polacken. Sein Muth wird dich in Erstaunung sehen; aber du wirst auch seufzen müssen, wenn die grausamste Tyranney, die | Besuche hierauf den edeln Polacken. Sein Muth wird dich in Erstaunung sehen; aber du wirst auch seufzen müssen, wenn die grausamste Tyranney, die | ||
| - | === 74 === | + | ==== 74 ==== |
| - | ---- | + | sie über ihres Gleichen ausüben, dir in die Augen fallen wird. |
| - | === (i) Fußnote Seiten 64-66 === | + | Besuche auch Rußland, welches der größte der Czaren, und die majestätische Heldinn, der er das Leben gegeben, der großen Welt haben kenntbar gemacht: Wenn gleich du wahrnehmen wirst, daß dieses ungeheuere Reich sein altes barbarisches Wesen noch nicht ganz ausgezogen habe. |
| - | == [Seite | + | Suche auch, dir einen Begriff von den nordischen Völkern zu verschaffen. Stockholm und Kopenhagen haben Gegenstände, |
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| + | Dieses Volk sitzt also in den Reichthumern, | ||
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| + | Wer macht Holland reich? Der Staat und die Religion: Nicht ihre eigene, nein, fremde. Welche Bezauberung hat die Mächte von Europa geblendet, Staatsgeschäffte in dem theuern Haag abzuthun, die vieleicht in jedem andern, wenn schon, nicht so ergötzend, doch gemächlich gelegenen Dorfe jedes Reiches abgehandelt werden könnten? Erstaunliches Vorurtheil! Alle Nationen geben dem Holland zu verdienen, und der ungesittete Holländer giebt nicht einer einen Stüber zum besten. Nein, nicht ihre Waaren, nicht ihre Gesparsamkeit, | ||
| + | ---- | ||
| + | [//Ein Dolman ist eine eng geschnittene, | ||
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| + | ==== 75 ==== | ||
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| + | unsren Pracht und Uebermuth; und dieser ist seiner sparsamen und gemeinen Lebensart unbekannt. Es gehört Klugheit darzu, die Thorheit anderer zu befördern, und doch von selber nicht angesteckt zu werden. | ||
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| + | Nun ist dir nichts mehr übrig, als daß du die albonesischen Bürger sehest. Segle also bey dem ersten guten Winde gegen die Gegenden ab. Der Engelsmann wird allezeit dein Nebenbuhler bleiben: Aber mit welchem Vortheile wirst du vor seinen Augen erscheinen? | ||
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| + | ==== 76 ==== | ||
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| + | Er wird endlich gezwungen werden, die schönsten naturlichen Gaben, und tausend seltene Eigenschaften in einem Franzmanne, die er in dem Umgange mit den klugsten und aufgeklärtesten Geistern von ganz Europa erworben hat, zu bewundern. ((Ich muß es gestehen, der Verfasser räumt den Engelländern, | ||
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| + | Du wirst zu kurz kommen, wenn du deine Neugier in der Rennbahne der Pferde von Neumarket ((Das berühmte Pferderennen, | ||
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| + | und wenn du deine Augen nur auf die Schönheiten heftest, welche dir der Towr von Londen ((Dieses berühmte Towr dienet zu einem Gefängnisse der Lords, zu einem Zeughause der Nation, und verwahret die Kleinodien und Schätze der Krone)), die Tempel von St. Paul und Westmünster, | ||
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| + | und durchdringenden Fackel des Verstandes bedienet? Die Bemühungen hierben werden groß seyn; aber du wirst schadlos gehalten werden, denn du wirst Menschen haben kennen lernen. | ||
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| + | Nach einer so langen Reise ((Ich sehe zum Voraus, daß diese Reise fünf Jahre gedauert hat; daß man in sechs Monathen die vornehmften Städte Frankreichs durchreiset habe (gewiß ein längerer Aufenthalt könnte manchen Deutschen nachtheilig seyn) daß man sich sechs Monathe in Madrit und Lissabon, ein Jahr in Italien, zwey Jahre in Deutschland (bedörfen vieleicht die Deutschen weniger?) und in den übrigen Reichen von Norden, und endlich ein Jahr in Holl- und Engelland aufgehalten habe)) unter fremden Völkern kehre mit so reichen Beuten von fremden Ländern zuruck: komm zurück in dein Vaterland, und von der Dankbarkeit durchdrungen gieb selbem die Ehre der schönen Gaben, die selbes so nützlich an dir anzubauen gewußt hat. | ||
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| + | ==== (i) Fußnote Seiten 64-66 ==== | ||
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| + | == [Seite | ||
| Wird man uns erlauben, hier einen Entwurf vorzutragen, | Wird man uns erlauben, hier einen Entwurf vorzutragen, | ||
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| sie diese Auslage fünf Jahre genossen, und indessen ihren Lauf vollendet hätten, so konnte ich nicht glauben, daß die Million Franken (den Deutschen 30000 Thaler), die sie für diese Reisenden auszahleten, | sie diese Auslage fünf Jahre genossen, und indessen ihren Lauf vollendet hätten, so konnte ich nicht glauben, daß die Million Franken (den Deutschen 30000 Thaler), die sie für diese Reisenden auszahleten, | ||
| - | == [Seite | + | == [Seite |
| können, wenn es diesem Entwurfe zwanzig Jahre lang aus dem Schatze der Stiftungen des Julius folgete, und seine geschickten Geister, die unter dem Staube eines pedantischen Zepters schmachten, die Schätze der Wissenschaften aus fremden Ländern sammeln ließen, die ihrem großen Fürsten, und noch größerm Schützer der schönen Wissenschaften unsterbliche Ehre, und dem Vaterlande bey Ausgrabung seiner vernachlässigten eigenen Schätze einen erstaunlichen Vorzug vor vielen großen Reichen verschaffen konnte. Erlaubet mir lieben Landeleute, daß ich an die goldenen Ufer des Rheins fliege, und dort die flüchtigen, | können, wenn es diesem Entwurfe zwanzig Jahre lang aus dem Schatze der Stiftungen des Julius folgete, und seine geschickten Geister, die unter dem Staube eines pedantischen Zepters schmachten, die Schätze der Wissenschaften aus fremden Ländern sammeln ließen, die ihrem großen Fürsten, und noch größerm Schützer der schönen Wissenschaften unsterbliche Ehre, und dem Vaterlande bey Ausgrabung seiner vernachlässigten eigenen Schätze einen erstaunlichen Vorzug vor vielen großen Reichen verschaffen konnte. Erlaubet mir lieben Landeleute, daß ich an die goldenen Ufer des Rheins fliege, und dort die flüchtigen, | ||
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