Inhaltsverzeichnis

1836 Moser Reisebüchlein

An einen, der die Wanderschaft in wirklich antritt.

121

Ehe du von deinem väterlichen Hause Abschied nimmst, reinige dein Herz durch das heil. Sakrament der Buße; denn ein gutes Gewissen ist die beste Wegzehrung. - Beim Abschiednehmen danke deinen Aeltern für alles Gute, das sie dir gethan haben: bitte sie um Vergebung der Beleidigungen, die du ihnen angethan hast; bitte sie um ihren Segen, und versprich ihnen, ihre letzten Lehren dir tief in das Herz zu schreiben und dieselben zu befolgen. Geh noch ein Mal in die Kirche; denn Gott muß dein treuester Gefährte seyn. Vergiß oder übersieh schon vorher Keinen, der es von dir erwartet, daß du dich von ihm beurlaubest; du mochtest ihn sonst betrüben, er konnte denken, du verachtest ihn. Noch weniger laß einen unversöhnten Feind zurück. Fang deine Reise mit kleinen Strecken an, und geh jeden Tag etwas weiter. Denke alle Tage an deine Eltern, Verwandten, Wohlthäter, Seelsorger und Meister, die du zuruckgelassen hast; bete für sie, sie beten auch für dich, und suche ihre Lehren durch wirkliche Befolgung zu vergelten. - Wo du auf deiner Reise hinkommst, wirst du gute und fromme Leute finden; aber du must sie suchen, und selbst fromm seyn, damit du werth seist, sie zu finden. Wandere nicht sogleich zu weit entlegenen Völkern, sondern suche erst deine eigene Landsleute kennen zu lernen. Vielleicht findest du in der Hauptstadt oder in den Landstädten

122

deines Vaterlandes, was du außer denselben umsonst suchen würdest. - Wende dich nach jenen Gegenden, wo dein Gewerbe, deine Kunst am besten getrieben wird; sonst hältst du dein Schlechteres für's Beste, und bleibst ein Stümper. - Geh' in keine große Stadt, bis du dir nicht schon eine hinlängliche Geschicklichkeit in deinem Fache erworben hast; sonst machen sich deine Mitgesellen über dich lustig, und du bekommst nur geringen Lohn. - Reise mit Aufmerksamkeit; sieh, wo deine Bedürfnisse erzeugt werden; suche dir Bekanntschaften zu eröffnen, welche dir in der Folge den Einkauf oder Verkauf erleichtern. Lerne die Menschen kennen und mit ihnen umgehen; suche dich von der Nothwendigkeit des Fleißes, der Mäßigkeit, der Keuschheit, der Redlichkeit, und vor Allem der Gottesfurcht, recht lebhaft zu überzeugen. - Bleibe nicht immer auf dem Lande oder in kleinen Städten; denn in größern Städten wird schönere und bessere Arbeit gemacht, weil sie besser bezahlt wird. Halt dich, wo immer eine Innung ist, nicht außer der Herberge auf. Bleibe an einem unzünftigen Orte nicht langer, als dir allenfals beim Freisprechen ist erlaubt worden. - Bleibe in keiner Herberge zu lange sitzen; denn dies nimmt dir den Ruf eines fleißigen Gesellen, und verzehret dein Habe; und du brauchest doch einen guten Namen und Vorrath an Gelde. Erlaube dir auch, wenn du noch überflüssig Geld hast, nie vielen und kostbaren Aufwand in der Herberge; sonst kommen böse Tage, und du lernest das Wohlleben. Auch in einem fremden Lande wirst du nicht lange fremd bleiben.

123

Vielleicht sind schon Leute da, die dich kennen, vielleicht kommen Bekannte nach, die deine Reden und Handlungen erfahren werden. Endlich gehen Briefe und Nachrichten von einem Ende zum andern. Wenigstens sieht dich Gottes Auge überall, wo du immer seyn magst. Gib aller Orten auf dich selbst Acht, du must dein vornehmster Wächter, und dein nächster sichtbarer Schutzgeist seyn. Gibt es bisweilen Gelegenheit, auf einem Postwagen oder in einer Landkutsche zu fahren, und du hast ein mit Geld oder anderer guten Habe beschwertes Felleisen bei dir; so sei beim Auf- und Abpacken zugegen, damit dir nichts vertauscht, beschädiget oder entwendet werde. Dieß beobachte auch bei Floß- und Schiffahrten. Traue nicht jedem, der dich geschäftig um Vor und Zunamen, Geburtsort, Herkommen und Vermögensumstände ausforscht. Sei bescheiden gegen den Geringsten in der Gesellschaft. Wer weiß, was seine Kleidung verbirgt? Sei zufrieden mit deinem angewiesenen Platze. Bekommst du einen guten Vordersitz, so biete denselben Kränkelnden oder andern Mitreisenden, an. Reisest du zu Fuße, so frage keinen Landstreicher oder muthwilligen Knaben im Dorfe um den rechten Weg, sondern warte lieber auf Fuhrleute oder gesetzte Fremdlinge. Begegnet dir ein starker Bettler an einem abgelegenen Orte, so stelle dich weder furchtsam noch trotzig; sei herzhaft entschlossen, und bestrebe dich, die Gegenwart des Geistes bei der Gefahr zu erhalten. Vertraue auf Gott; tritt vor dem Angreifenden ein Paar Schritte zuruck; setze dich in Vertheidigung; rufe um Hilfe; wer läuft,

124

den jagt man. Läßt man dich an einem Orte nicht hinein, so fluche nicht: sondern suche in Gottes Namen dein Glück und Nachtlager weiter; versagte man doch auch JEsu die Herberge. Verletze auf dem Weges nicht das Mindeste an Statuen, Säulen, Gemälden, Ruhebänken, Alleebäumen, Wein-Gärten, Obst oder Blumengarten; wate nicht durch Wiesen; gehe nicht durch verbothene Wege. Reisest du in Gesellschaft, so gib auf dich und deine Reisegesellen Acht, damit ihr aus Unachtsamkeit nichts liegen lasset, und sonst in keine Gefahr gerathet, an Ehre, Gut oder Leben Schaden zu leiden. Setze deine Reise nie fort, ohne dich und deine Reisegefährten Gott im Gebete empfohlen zu haben. Traue auf Reisen Niemanden zu viel, auch deinen eigenen Landsleuten nicht. Wer leicht und zu viel trauet, wird leicht und vielmal betrogen. Trau, schau wem. Mißtrauen ist die Mutter der Sicherheit. In Gasthäusern sich dich um, wen du vor dir hast, ehe du redest, antwortest oder etwas erzählest; es möchten Leute anderer Religionen, Auflaurer, Polizeidiener, falsche Werber, hohe Spieler oder Verführer zugegen seyn. Mische dich in keinen Handel, in keinen Streit, in keinen Zank, und rede lieber weniger, als zu viel. Uebersieh Unannehmlichkeiten, selbst wenn du mit baarem Gelde bezahlest. Laß es gegen keinen Wirth merken, daß du mit der empfangenen Bewirthung unzufrieden bist; zahle die Zeche mit Dank. In Wirthshausern sei, wie überall, bescheiden, lärme nicht; entferne dich gleich beim ersten Zeichen eines Handels. Ehe du ein fremdes Land betrittst, erkundige dich genau,

125

welche Waaren in diesem Lande verbothen sind, damit du nicht straffällig werdest. Das Schwärzen laß dir ja auf keinen Fall zu Schulden kommen. Ohne Noth kehre nicht in einzeln stehenden Wirths-Häusern ein, sondern in solchen, wo eine starke Einkehr ist. Von deinem Gelde hab' nur eine Kleinigkeit in der Tasche, das andere halt an einem geheimen Orte wohl verwahrt. Traue nicht leicht, wenn man dir deinen Bündel aus Menschenliebe tragen will; gib ihn nicht auf unbekannte Fuhrmannswägen. Gehst du mit einem Gefährten, so laß ihn immer etwas voran, besonders wenn du durch einen Wald geht. Reisest du zu Schiffe, so halte dich bei schöner Witterung in freier Luft auf: suche deinen Körper bisweilen durch freiwilliges Rudern zu bewegen; laß deine Sachen nie in dem untersten Theil des Schiffes; stehe den Ruderern nie im Wege. Um dich Abends oder auf unbekannten Wegen nicht zu verirren, gib lieber einem Wegweiser eine Kleinigkeit, Laß dir die Seitenwege sorgfältig beschreiben. Sei immer munter und entschlossen; unterhalte dich selbst, singe etwas. .. Studiere die Sitten und Gewohnheiten des Landes, in das du kommst. Fällt dir darin etwas auf, so denke: Ländlich, sittlich. Wobne nirgends, wo Deiner Seele Gefahr drohet; mache dir durch Treue, Fleiß und Sparsamkeit gute Freunde. Schreibe alle Jahre wenigstens Ein Mal an deine Eltern, aber nicht bloß um Geld zu begehren, sondern um ihrem Herzen, wahre Freude zu machen. Bestimme in deinem Briefe genau den Ort, die Stadt, die nächste Poststation, das Land, damit man dir

126

antworten und wichtige Nachrichten sicher in die Hånde liefern könne. Vergiß nicht, in deinem Briefe diejenigen zu grüßen, die einen Gruß von dir erwarten, und deinen Wohlthätern, dem Pfarrer des Ortes, dem Schullehrer, deinem Meister, deinem Tauf- und Firmpathen, deinen nähern Verwandten, dem Vorsteher des Ortes alles das sagen zu lassen, was Dankbarkeit, Liebe, Verehrung und gute Lebensart erwarten lassen. Führe dich so auf, daß du wieder an deinen alten Ort zurückkommen darfst. Wie schändlich wär’ es, wenn dir gleich ein Ort nicht von der Obrigkeit verbothen wäre, aber dein eigenes Gewissen und die Scham dich nicht mehr hin gehen ließe! Wie angenehm und ehrenvoll hingegen ist es, wenn es heißt: Weil du nur wieder da bist, wir haben dich so hart vermißt! Wenn du in dein Vaterland zurückkehren willst, so kleide dich ordent lich. Ein Mensch, der aus seiner Schuld nichts als zerfetzte Kleidungsstucke mit nach Haus bringt, wird für einen Taugenichts gehalten, und das mit Recht. Vor Allem aber suche in einem gesunden Leibe eine gesunde, reine, unschuldige Seele heimzubringen. Ohne diese macht alle erworbene Geschicklichkeit, alle Feinheit im Äußern und aller Vorrath am Gelde deinen guten Eltern keine Freude.