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wiki:unterwegs-sein-konzepte

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wiki:unterwegs-sein-konzepte [2026/01/23 19:18] Norbert Lüdtkewiki:unterwegs-sein-konzepte [2026/03/20 06:13] (aktuell) Norbert Lüdtke
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   * gemeinschaftlich die Übereinkunft, den Einzelnen von der Verantwortung seiner Bindungen zu befreien, ihm also  'Urlaub' zu gewähren.   * gemeinschaftlich die Übereinkunft, den Einzelnen von der Verantwortung seiner Bindungen zu befreien, ihm also  'Urlaub' zu gewähren.
  
-^ [[wiki:liste_reisebild-kategorien|Reisebilder]] |  Absichten\\ ⇒  ^ 1 [[wiki:aufbruch|Aufbruch]]\\ Bindungen lösen | ⇒ ^ 2 Hinfahrt als\\ weg-von & hin-zu | ⇒ ^ 3 Ankunft |+=== Die Fahrt als Handlungskreis === 
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 +^ [[wiki:reisebild-kategorien|Reisebilder]] |  Absichten\\ ⇒  ^ 1 [[wiki:aufbruch|Aufbruch]]\\ Bindungen lösen | ⇒ ^ 2 Hinfahrt als\\ weg-von & hin-zu | ⇒ ^ 3 Ankunft |
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 Die indogermanischen Wurzeln *er-, *or-, *ir- bedeuten ‘sich in Bewegung setzen, erregen, in die Höhe bringen (auch von Bewegung nach abwärts)’ ((mehr siehe  „[[https://www.dwds.de/wb/etymwb/Reise|Reise]]“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. )) und verweisen auf einen kraftvollen Vorgang mit dem Ziel erfolgreich zurückzukehren, etwas mitzubringen. Bevor es Einzelreisende gab, bildeten sich Reisegesellschaften. Dem entspricht im Englischen //exploration// als ein //process of investigating// hin zu einem lohnenswerten Ziel: Reichtum, Gesundheit, Informationen, Kolonisation ... .\\ Neuzeitlicht verengt sich die Vorstellung den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Die Reise ist nämlich ein Ortswechsel, der von einem dazu geeigneten Menschen unternommen wird aus der Begierde und dem Wunsch, auswärtige Orte zu durchwandern, zu besehen und kennenzulernen, um dort irgendein Gut zu erwerben, das entweder dem Vaterland und den Freunden oder uns selbst nützlich sein könnte«//, ''Samuel Zwicker''  1577 ((zit. nach Justin Stagl: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 1550-1800)) Die indogermanischen Wurzeln *er-, *or-, *ir- bedeuten ‘sich in Bewegung setzen, erregen, in die Höhe bringen (auch von Bewegung nach abwärts)’ ((mehr siehe  „[[https://www.dwds.de/wb/etymwb/Reise|Reise]]“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. )) und verweisen auf einen kraftvollen Vorgang mit dem Ziel erfolgreich zurückzukehren, etwas mitzubringen. Bevor es Einzelreisende gab, bildeten sich Reisegesellschaften. Dem entspricht im Englischen //exploration// als ein //process of investigating// hin zu einem lohnenswerten Ziel: Reichtum, Gesundheit, Informationen, Kolonisation ... .\\ Neuzeitlicht verengt sich die Vorstellung den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Die Reise ist nämlich ein Ortswechsel, der von einem dazu geeigneten Menschen unternommen wird aus der Begierde und dem Wunsch, auswärtige Orte zu durchwandern, zu besehen und kennenzulernen, um dort irgendein Gut zu erwerben, das entweder dem Vaterland und den Freunden oder uns selbst nützlich sein könnte«//, ''Samuel Zwicker''  1577 ((zit. nach Justin Stagl: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 1550-1800))
  
-Die aggressive Bedeutung ist im englischen //rise on// noch lebendig, im Sinne von Segel setzen, kämpfen, plündern, rauben. Dieselbe Bedeutung hat das griechische //Ταξείδιον// (latinisiert tassedium), ursprünglich als eine //expeditio bellica// ‚kriegerische Reise‘ gedeutet ((''Du Cange'': ''Glossarium ad scriptores mediae et infimae Graecitatis'')), wobei die Aufgabe des Anführers //‚procertari‘// genannt wird, also ‚sich auf einen Kampf einlassen‘. Das zugrunde liegende Verb //ταξείδεὑειν// kann auch mit //navigare// (‚segeln‘) übersetzt werden. Im 11. Jahrhundert schließlich bezeichnet das Wort //Taxedion// im Venezianischen eine bestimmte Art von Geschäftsunternehmungen (‚Collegantia‘)  ((''Stefania Gialdroni'', ''Albrecht Cordes'', ''Serge Dauchy'', ''Dave De ruysscher'', ''Heikki Pihlajamäki'' (Hg.)\\ //Migrating Words, Migrating Merchants, Migrating Law. Trading Routes and the Development of Commercial Law.//\\ 337 S. Leiden 2020: Brill. [[https://library.oapen.org/bitstream/id/4b7fab3f-6761-4966-ab65-a0a77a15a2be/9789004416642.pdf|Online]] Dort wird verwiesen auf die Quelle: //Constituta legis et usus of Pisa// von 1146-56. In  Kapitel 12 (De socie tate facta inter extraneos, „Von der Gesellschaft zwischen Fremden") erscheint der Begriff tassedium (gr. Ταξείδιον) 23 mal im Sinne von ‚Handelsreise‘)). Gewinnbringendes Reisen ist das Gegenteil von ziellosem Wandern, es schafft Werte und bringt Nutzen (lat. utilitas > frz. profit). Doiron zitiert //»avec le profit tirer de l’honneur«// ((''Thomas Pelletier''\\ //La Nourriture de la noblesse//\\ XVIII, Du voyager, op. cit., fo 96.)) als ein verbindendes Element von Adel und Bürgertum im Verständnis von Reisen.+Die aggressive Bedeutung ist im englischen //rise on// noch lebendig, im Sinne von Segel setzen, kämpfen, plündern, rauben. Dieselbe Bedeutung hat das griechische //Ταξείδιον// (latinisiert tassedium), ursprünglich als eine //expeditio bellica// ‚kriegerische Reise‘ gedeutet ((''Du Cange'': ''Glossarium ad scriptores mediae et infimae Graecitatis'')), wobei die Aufgabe des Anführers //‚procertari‘// genannt wird, also ‚sich auf einen Kampf einlassen‘. Das zugrunde liegende Verb //ταξείδεὑειν// kann auch mit //navigare// (‚segeln‘) übersetzt werden. Im 11. Jahrhundert schließlich bezeichnet das Wort //Taxedion// im Venezianischen eine bestimmte Art von Geschäftsunternehmungen (‚Collegantia‘)  ((''Stefania Gialdroni'', ''Albrecht Cordes'', ''Serge Dauchy'', ''Dave De ruysscher'', ''Heikki Pihlajamäki'' (Hg.)\\ //Migrating Words, Migrating Merchants, Migrating Law. Trading Routes and the Development of Commercial Law.//\\ 337 S. Leiden 2020: Brill. [[https://library.oapen.org/bitstream/id/4b7fab3f-6761-4966-ab65-a0a77a15a2be/9789004416642.pdf|Online]] Dort wird verwiesen auf die Quelle: //Constituta legis et usus of Pisa// von 1146-56. In  Kapitel 12 (De socie tate facta inter extraneos, „Von der Gesellschaft zwischen Fremden") erscheint der Begriff tassedium (gr. Ταξείδιον) 23 mal im Sinne von ‚[[Handelsreisende|Handelsreise]]‘)). Gewinnbringendes Reisen ist das Gegenteil von ziellosem Wandern, es schafft Werte und bringt Nutzen (lat. utilitas > frz. profit). Doiron zitiert //»avec le profit tirer de l’honneur«// ((''Thomas Pelletier''\\ //La Nourriture de la noblesse//\\ XVIII, Du voyager, op. cit., fo 96.)) als ein verbindendes Element von Adel und Bürgertum im Verständnis von Reisen.
   * ''Doiron, Normand''\\ //L'être et l'espace. Dix-septième siècle.//\\ 3.252 (2011) 489-500. DOI : 10.. [[https://www.cairn.info/revue-dix-septieme-siecle-2011-3-page-489.htm|Online]]   * ''Doiron, Normand''\\ //L'être et l'espace. Dix-septième siècle.//\\ 3.252 (2011) 489-500. DOI : 10.. [[https://www.cairn.info/revue-dix-septieme-siecle-2011-3-page-489.htm|Online]]
  
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   * in Wortzusammensetzungen (Komposita).   * in Wortzusammensetzungen (Komposita).
  
-==== Journey & Travel ====+==== Abgeleitete Formen ====
  
-Im Englischen verdrängten bzw. verhinderten //journey// bzw. //travel// die Bildung englischer Parallelen zu den obigen Konzepten, müssen also abweichende Vorstellungen beinhalten, vielleicht wie folgt: +Die Unterschiede zeigen sich bei aller Unschärfe des heutigen Sprachgebrauchs in solchen zusammengesetzten Begriffen ((Durch das Erstglied (= Bestimmungswort) wird das Zweitglied (= Grundwort) näher bestimmt. Oder Fachlich korrekt: Im Determinativkompositum wird die Semantik des Grundwortes durch das Bestimmungswort eingeschränkt. )), in denen sich das Letztglied gegen einen Austausch sträubt, wo -//gang//, -//fahrt//, -//reise// also eine spezifische und ursprüngliche Bedeutung speichern. Die Fahrt wehrt sich gegen Figuren, nicht aber gegen Gruppen (Klassenfahrt, Kreuzfahrer). Der Gang verträgt keine Fortbewegungsmittel; Gang und Reise vertragen keine Fortbewegung. Einzig das Pilgern kombiniert sich zwanglos mit allen drei Konzepten, das Wandern dagegen nicht.\\ 
-  * Journey enthält zwei besondere Vorstellungen, nämlich +
-    * unterwegs zu einer Arbeitsstelle sein (journeyman) und +
-    * eine bestimmte Dauer (ein Tag < diurnum). +
-  * Travel in der Auslegung von ''Eskénazi'' erlaubt die Deutung als +
-    * Ausbruch aus der Gemeinschaft, nicht nur als Aufbruch, und damit +
-    * individuelles Unterwegs-Sein (traveler) mit individuellem Ziel. +
- +
-  * ''Bragantini-Maillard, Nathalie''\\ //Du français médiéval travail (lier) à l’anglais travel: parcours d’un régionalisme sémantique.//\\ Zeitschrift für romanische Philologie 138.3 (2022) 649-708. [[https://doi.org/10.1515/zrp-2022-0034|DOI]]\\ Die Autoren zeigen, dass mittelalterliches //travail(lier)// erstmals in der zweiten Hälfte des [[wiki:unterwegs_im_12._jahrhundert|12. Jahrhunderts]] im Anglonormannischen auf dem Festland erscheint und von dort Ende des [[wiki:unterwegs_im_13._jahrhundert|13. Jahrhunderts]] ins Mittelenglische übernommen wird. +
-  * ''Coulet, Noël''\\ //Introduction. « S'en divers voyages n'est mis... ».//\\ In: Actes des congrès de la Société des historiens médiévistes de l'enseignement supérieur public, 26ᵉ congrès, Aubazine, 1996. Voyages et voyageurs au Moyen Age. pp. 9-29; [[https://doi.org/10.3406/shmes.1996.1668|DOI]]  [[https://www.persee.fr/doc/shmes_1261-9078_1996_act_26_1_1668|Online]]  +
-  * ''Xavier Dekeyser''\\ //Travel, Journey and Voyage: An Exploration into the Realm of Middle English Lexico-Semantics//.\\ NOWELE. North-Western European Language Evolution, 25.1 (1995) 127−136 [[https://doi.org/10.1075/nowele.25.07dek|DOI]]\\ Der erste Beleg für 'travel' stammt aus dem 14. Jahrhundert ((unklar, entweder aus  mittelschotischem travailen oder altfranzösischem travailler 'leiden, erschöpft sein'; im Deutschen findet sich //vor sin loen, und vor en paer **travelen** van XVIII ore// auch im Sinne von Arbeit (v. [[https://fwb-online.de/lemma/travel.s.2s|Bunge, Livl. UB 4, 375, 6]] (nrddt., 1383/1479) )) ; travel und voyage verdrängten älteres 'faer'. Journey  wurzelt in lateinisch diurnum und gelangte über das altfranzösische jornee 'Tagwerk' ins Mittelenglische, wo es dann eine 'Tagesreise' bezeichnete. +
-  * ''Eskénazi, André''\\ //L'étymologie de "travail".//\\ Romania 126.3 (2008) 296-372. [[https://doi.org/10.3406/roma.2008.1436|DOI]] [[https://www.persee.fr/doc/roma_0035-8029_2008_num_126_503_1436|Online]] +
-    * ''Franck Lebas''\\ //L’arnaque de l’étymologie du mot travail.//\\ 1 (2018) 123--127. [[https://hal.science/hal-02314417/document|Online]] +
-  * ''Huber, Judith''\\ //Of travels and travails: The role of semantic typology, argument structure constructions, and language contact in semantic change//\\ Yearbook of the German Cognitive Linguistics Association, 9.1 (2021) 71−94. [[https://doi.org/10.1515/gcla-2021-0004|DOI]] +
-  * ''Колонюк, Сергій''\\ //вплив етимології концепту travel (journey) англійської мови на його сучасну смислову структуру//\\ Folium спецвипуск (2023) 81--85 [[https://doi.org/10.32782/folium/2023.3.11|DOI]] \\ (= ''Serhii Koloniuk'' //The Influence of the Etymology Concept Travel (Journey) on its current meaning structure in english language.)// +
-  * ''Nicholson, G.-G.''\\ //Français travailler, travail.//\\ Romania 53.209/210 (1927) 206–13. [[http://www.jstor.org/stable/45044708|Online]].\\ Die lateinischen Wurzeln werden ausführlich diskutiert. +
-  * ''Rothwell, William''\\ //Arrivals and departures : the adoption of French terminology into Middle English.//\\ English Studies 79 (1998) 144–165 [[https://doi.org/10.1080/00138389808599121|DOI]] +
-  * ''Short, Ian''\\ //L’anglo-normand au travail.//\\ Romania, 127 (2009) 487–89. [[http://www.jstor.org/stable/45039639|Online]] +
-  * ''Wu, Yu-Ching''\\ //The Travail of Travel: Compassion as Emotional Labor in Ancrene Wisse.//\\ Concentric: Literary and Cultural Studies 48.2 (2022) 5-20. [[http://www.concentric-literature.url.tw/issues/Cultures%20of%20Travel/2-Wu.pdf|Online]] +
-==== Tour, Tourist & Tourismus ==== +
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-Die Tour ist ihrem Wesen nach zuerst ein Rundgang, da vertraute Wege gegangen und die Gemeinschaft nie verlassen wird, dafür sorgt das touristische System. Neu ist dabei das zugrunde liegende Raumverständnis, die Welt wird zum Dorf, das Gewohnte ist überall zuhanden, die Rückkehr ist gesichert. Die Reisegruppe ist eine Komponente der Fahrt. Mit der Reise ist die Tour symbolisch verbunden, Souvenirs und Fotos beweisen den 'Erfolg'  +
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-==== Abgeleitete Reiseformen ==== +
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-Die Unterschiede zeigen sich bei aller Unschärfe des heutigen Sprachgebrauchs in solchen zusammengesetzten Begriffen ((Durch das Erstglied (= Bestimmungswort) wird das Zweitglied (= Grundwort) näher bestimmt. Oder Fachlich korrekt: Im Determinativkompositum wird die Semantik des Grundwortes durch das Bestimmungswort eingeschränkt. )), in denen sich das Letztglied gegen einen Austausch sträubt, wo -//gang//, -//fahrt//, -//reise// also eine spezifische und ursprüngliche Bedeutung speichern. Die Fahrt wehrt sich gegen Figuren, nicht aber gegen Gruppen (Klassenfahrt, Kreuzfahrer). Der Gang verträgt keine Fortbewegungsmittel; Gang und Reise vertragen keine. Einzig das Pilgern kombiniert sich zwanglos mit allen drei Konzepten, das Wandern dagegen nicht.\\ +
 Der "Gang nach Canossa" von [[wiki:reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|1077]] war keine "Fahrt", weil König ''Heinrich IV.'' auf erleichternde Hilfsmittel verzichtete und auch keine neuen Wege suchte. Er war auch keine Reise, weil ihm der aggressive Aspekt fehlte, der damals mit dem Reisen verbunden wurde, denn der König kam als Büßer und Bittsteller und bat Papst ''Gregor VII.'' den Kirchenbann aufzuheben. Der "Gang nach Canossa" von [[wiki:reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|1077]] war keine "Fahrt", weil König ''Heinrich IV.'' auf erleichternde Hilfsmittel verzichtete und auch keine neuen Wege suchte. Er war auch keine Reise, weil ihm der aggressive Aspekt fehlte, der damals mit dem Reisen verbunden wurde, denn der König kam als Büßer und Bittsteller und bat Papst ''Gregor VII.'' den Kirchenbann aufzuheben.
  
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 ^ [[wiki:pilger|Pilger]] | Pilgergang | Pilgerfahrt | Pilgerreise | | | ^ [[wiki:pilger|Pilger]] | Pilgergang | Pilgerfahrt | Pilgerreise | | |
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 ===== Andere Konzepte des Unterwegs-Seins ===== ===== Andere Konzepte des Unterwegs-Seins =====
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 → [[wiki:weg#`Weg´ in den indogermanischen Sprachfamilien|'Weg' in den indogermanischen Sprachen]] → [[wiki:weg#`Weg´ in den indogermanischen Sprachfamilien|'Weg' in den indogermanischen Sprachen]]
    
-''Schirato'' weist darauf hin, dass über die Sprachfamilien hinweg die konkrete Bedeutung von 'Weg' abstrakt übertragen wurde auf die Art und Weise etwas zu tun:\\ armen. čanaparh ‘manner, method’, griech. ὁδός ‘manner’, irisch. slí ‘means, manner’, bealach ‘direction; manner’, russ. put’ ‘means’, pers. râh ‘mind’, arab. ṭarīqa ‘manner, means; method; system’, hebr. derekh ‘custom’ ((''Federico Schirato''\\ //Silent Nominal Heads in Manner Adverbials.//\\ Qulso 10 (2024) 65--78. [[https://doi.org/10.36253/qul-so-2421-7220-16566|DOI]], [[https://oaj.fupress.net/index.php/bsfm-qulso/article/download/16566/12965|Online]] )). Unausgesprochen dabei bleibt die Vorstellung des 'richtigen' Weges, der durch gemeinschaftlichen Gebrauch legitimiert ist, siehe auch baskisch [[https://www.euskaltzaindia.eus/index.php?option=com_oehberria&task=sarreraIkusi&Itemid=&lang=es&id=135387|Bidezki]] 'rightly, legitimately'.  ((''Agud, Manuel'', ''Antonio Tovar''\\ //Materiales para un Diccionario Etimológico de la Lengua Vasca (VII).//\\ Anuario del Seminario de Filología Vasca" Julio de Urquijo" 24.1 (1990) 111-202. [[https://mcainzospeteiro.wordpress.com/wp-content/uploads/2022/12/anorga-lehen-eta-orain.pdf|Online]]\\ Bidarte 'Reisender', Bide- 'Weg')) und türkisch uğur 'Weg, Glück' ((''Marek Stachowski''\\ Kurzgefaßtes etymologisches Wörterbuch der türkischen SpracheKraków 2019: Jagiellonian University. [[https://doi.org/10.12797/9788381381581|Online]], dort ausführlich zu *ugur od. *ogur und vergleichbar vielleicht arab. ṭarīḳ 'Weg' und tarikat ‘religiöser Orden’. ))+''Schirato'' weist darauf hin, dass über die Sprachfamilien hinweg die konkrete Bedeutung von 'Weg' abstrakt übertragen wurde auf die Art und Weise etwas zu tun:\\ armen. čanaparh ‘manner, method’, griech. ὁδός ‘manner’, irisch. slí ‘means, manner’, bealach ‘direction; manner’, russ. put’ ‘means’, pers. râh ‘mind’, arab. ṭarīqa ‘manner, means; method; system’, hebr. derekh ‘custom’ ((''Federico Schirato''\\ //Silent Nominal Heads in Manner Adverbials.//\\ Qulso 10 (2024) 65--78. [[https://doi.org/10.36253/qul-so-2421-7220-16566|DOI]], [[https://oaj.fupress.net/index.php/bsfm-qulso/article/download/16566/12965|Online]] )). 
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 +Unausgesprochen dabei bleibt die Vorstellung des 'richtigen' Weges, der durch gemeinschaftlichen Gebrauch legitimiert ist, siehe auch baskisch [[https://www.euskaltzaindia.eus/index.php?option=com_oehberria&task=sarreraIkusi&Itemid=&lang=es&id=135387|Bidezki]] 'rightly, legitimately' ((''Agud, Manuel'', ''Antonio Tovar''\\ //Materiales para un Diccionario Etimológico de la Lengua Vasca (VII).//\\ Anuario del Seminario de Filología Vasca" Julio de Urquijo" 24.1 (1990) 111-202. [[https://mcainzospeteiro.wordpress.com/wp-content/uploads/2022/12/anorga-lehen-eta-orain.pdf|Online]]\\ Bidarte 'Reisender', Bide- 'Weg')) und türkisch uğur 'Weg, Glück' ((''Marek Stachowski''\\ //Kurzgefaßtes etymologisches Wörterbuch der türkischen Sprache//\\ Kraków 2019: Jagiellonian University. [[https://doi.org/10.12797/9788381381581|Online]], dort ausführlich zu *ugur od. *ogur und vergleichbar vielleicht arab. ṭarīḳ 'Weg' und tarikat ‘religiöser Orden’. ))
  
   * ''Schutz, A. H.''\\ //"Iter" and "Viaticum" in French.//\\ Studies in Philology 28.3 (1931) 513-518.   * ''Schutz, A. H.''\\ //"Iter" and "Viaticum" in French.//\\ Studies in Philology 28.3 (1931) 513-518.
  
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 +==== Journey & Travel ====
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 +Im Englischen verdrängten bzw. verhinderten //journey// bzw. //travel// die Bildung englischer Parallelen zu den obigen Konzepten, müssen also abweichende Vorstellungen beinhalten, vielleicht wie folgt:
 +  * Journey enthält zwei besondere Vorstellungen, nämlich
 +    * unterwegs zu einer Arbeitsstelle sein (journeyman) und
 +    * eine bestimmte Dauer (ein Tag < diurnum).
 +  * Travel in der Auslegung von ''Eskénazi'' erlaubt die Deutung als
 +    * Ausbruch aus der Gemeinschaft, nicht nur als Aufbruch, und damit
 +    * individuelles Unterwegs-Sein (traveler) mit individuellem Ziel.
 +
 +  * ''Bragantini-Maillard, Nathalie''\\ //Du français médiéval travail (lier) à l’anglais travel: parcours d’un régionalisme sémantique.//\\ Zeitschrift für romanische Philologie 138.3 (2022) 649-708. [[https://doi.org/10.1515/zrp-2022-0034|DOI]]\\ Die Autoren zeigen, dass mittelalterliches //travail(lier)// erstmals in der zweiten Hälfte des [[wiki:unterwegs_im_12._jahrhundert|12. Jahrhunderts]] im Anglonormannischen auf dem Festland erscheint und von dort Ende des [[wiki:unterwegs_im_13._jahrhundert|13. Jahrhunderts]] ins Mittelenglische übernommen wird.
 +  * ''Coulet, Noël''\\ //Introduction. « S'en divers voyages n'est mis... ».//\\ In: Actes des congrès de la Société des historiens médiévistes de l'enseignement supérieur public, 26ᵉ congrès, Aubazine, 1996. Voyages et voyageurs au Moyen Age. pp. 9-29; [[https://doi.org/10.3406/shmes.1996.1668|DOI]]  [[https://www.persee.fr/doc/shmes_1261-9078_1996_act_26_1_1668|Online]] 
 +  * ''Xavier Dekeyser''\\ //Travel, Journey and Voyage: An Exploration into the Realm of Middle English Lexico-Semantics//.\\ NOWELE. North-Western European Language Evolution, 25.1 (1995) 127−136 [[https://doi.org/10.1075/nowele.25.07dek|DOI]]\\ Der erste Beleg für 'travel' stammt aus dem 14. Jahrhundert ((unklar, entweder aus  mittelschotischem travailen oder altfranzösischem travailler 'leiden, erschöpft sein'; im Deutschen findet sich //vor sin loen, und vor en paer **travelen** van XVIII ore// auch im Sinne von Arbeit (v. [[https://fwb-online.de/lemma/travel.s.2s|Bunge, Livl. UB 4, 375, 6]] (nrddt., 1383/1479) )) ; travel und voyage verdrängten älteres 'faer'. Journey  wurzelt in lateinisch diurnum und gelangte über das altfranzösische jornee 'Tagwerk' ins Mittelenglische, wo es dann eine 'Tagesreise' bezeichnete.
 +  * ''Eskénazi, André''\\ //L'étymologie de "travail".//\\ Romania 126.3 (2008) 296-372. [[https://doi.org/10.3406/roma.2008.1436|DOI]] [[https://www.persee.fr/doc/roma_0035-8029_2008_num_126_503_1436|Online]]
 +    * ''Franck Lebas''\\ //L’arnaque de l’étymologie du mot travail.//\\ 1 (2018) 123--127. [[https://hal.science/hal-02314417/document|Online]]
 +  * ''Huber, Judith''\\ //Of travels and travails: The role of semantic typology, argument structure constructions, and language contact in semantic change//\\ Yearbook of the German Cognitive Linguistics Association, 9.1 (2021) 71−94. [[https://doi.org/10.1515/gcla-2021-0004|DOI]]
 +  * ''Колонюк, Сергій''\\ //вплив етимології концепту travel (journey) англійської мови на його сучасну смислову структуру//\\ Folium спецвипуск (2023) 81--85 [[https://doi.org/10.32782/folium/2023.3.11|DOI]] \\ (= ''Serhii Koloniuk'' //The Influence of the Etymology Concept Travel (Journey) on its current meaning structure in english language.)//
 +  * ''Nicholson, G.-G.''\\ //Français travailler, travail.//\\ Romania 53.209/210 (1927) 206–13. [[http://www.jstor.org/stable/45044708|Online]].\\ Die lateinischen Wurzeln werden ausführlich diskutiert.
 +  * ''Rothwell, William''\\ //Arrivals and departures : the adoption of French terminology into Middle English.//\\ English Studies 79 (1998) 144–165 [[https://doi.org/10.1080/00138389808599121|DOI]]
 +  * ''Short, Ian''\\ //L’anglo-normand au travail.//\\ Romania, 127 (2009) 487–89. [[http://www.jstor.org/stable/45039639|Online]]
 +  * ''Wu, Yu-Ching''\\ //The Travail of Travel: Compassion as Emotional Labor in Ancrene Wisse.//\\ Concentric: Literary and Cultural Studies 48.2 (2022) 5-20. [[http://www.concentric-literature.url.tw/issues/Cultures%20of%20Travel/2-Wu.pdf|Online]]
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 +==== Tour, Tourist & Tourismus ====
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 +Die Tour ist ihrem Wesen nach zuerst ein Rundgang, da vertraute Wege gegangen und die Gemeinschaft nie verlassen wird, dafür sorgt das touristische System. Neu ist dabei das zugrunde liegende Raumverständnis, die Welt wird zum Dorf, das Gewohnte ist überall zuhanden, die Rückkehr ist gesichert. Die Reisegruppe ist eine Komponente der Fahrt. Mit der Reise ist die Tour symbolisch verbunden, Souvenirs und Fotos beweisen den 'Erfolg'.  
 ===== Konzepte anderer Sprachräume ==== ===== Konzepte anderer Sprachräume ====
  
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 === Altägyptisch === === Altägyptisch ===
  
-Die altägyptisch Hieroglyphe  //sqd// für 'Reisender' zeigt diesen mit einem Ruder in der Hand.\\   +Die altägyptisch Hieroglyphe  //sqd// für 'Reisender' zeigt diesen mit einem Ruder in der Hand. 
-Die Hieroglyphe (Determinativ) hnw für 'Sack [[wiki:traeger|träger]]' zeigt diesen in den Annalen ''Amenemhets'' II. mit dem [[wiki:beutel|Beutel]] an einer [[wiki:tragstange|Tragestange]]. Leicht abgewandelt kennzeichnet sie auch andere mobile Gruppen und später im Neuen Reich auch [[wiki:reisende|Reisende]] nach Punt. ((''Hartwig Altenmüller''\\  Die "Abgaben" aus dem 2. Jahr des Userkaf\\ S. 37-48 in: Kessler, Dieter; Schulz, Regine (Hg), Gedenkschrift für Winfried Barta, Münchner Ägyptologische Untersuchungen 4, München 1995. ))+ 
 +Die Hieroglyphe (Determinativ) //hnw// für 'Sack [[wiki:traeger|träger]]' zeigt diesen in den Annalen ''Amenemhets'' II. mit dem [[wiki:beutel|Beutel]] an einer [[wiki:tragstange|Tragestange]]. Leicht abgewandelt kennzeichnet sie auch andere mobile Gruppen und später im Neuen Reich auch [[wiki:reisende|Reisende]] nach Punt. ((''Hartwig Altenmüller''\\  Die "Abgaben" aus dem 2. Jahr des Userkaf\\ S. 37-48 in: Kessler, Dieter; Schulz, Regine (Hg), Gedenkschrift für Winfried Barta, Münchner Ägyptologische Untersuchungen 4, München 1995. ))
     * //rwj//    Wanderer     * //rwj//    Wanderer
     * //smntj//  Prospektor, Kundschafter (Leute des Expeditionswesens)     * //smntj//  Prospektor, Kundschafter (Leute des Expeditionswesens)
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   * ''Baalla, Hamid''\\ //Substantivierung im Deutschen und **Marokkanischen** am Beispiel von Bewegungsverben „gehen, fahren und /sjr/“.//\\ Hamburg 2019: diplom. de. [[https://www.diplom.de/document/475285|Online]]   * ''Baalla, Hamid''\\ //Substantivierung im Deutschen und **Marokkanischen** am Beispiel von Bewegungsverben „gehen, fahren und /sjr/“.//\\ Hamburg 2019: diplom. de. [[https://www.diplom.de/document/475285|Online]]
  
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   * ''Gábor Takacs''\\ //Etymological dictionary of Egyptian.//\\ Brill, Boston, 1999-2008, hier Band 3, S.756 ff.\\  //sikel// < saykal 'reisen'; //mtn// 'Führer', Khabir, Scheich; auch mtn 'Weg', mtn 'anweisen'   * ''Gábor Takacs''\\ //Etymological dictionary of Egyptian.//\\ Brill, Boston, 1999-2008, hier Band 3, S.756 ff.\\  //sikel// < saykal 'reisen'; //mtn// 'Führer', Khabir, Scheich; auch mtn 'Weg', mtn 'anweisen'
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     * 17. [[wiki:trekker|Trekker]]     * 17. [[wiki:trekker|Trekker]]
  
-{{tag>Bild_der_Reise}}+{{tag>Bild_der_Reise Reisekunde}}
wiki/unterwegs-sein-konzepte.1769195926.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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