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wiki:unterwegs-sein-konzepte

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wiki:unterwegs-sein-konzepte [2026/03/10 17:18] – [Die Fahrt] Norbert Lüdtkewiki:unterwegs-sein-konzepte [2026/05/09 08:45] (aktuell) – [Übergreifend] Norbert Lüdtke
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 Die indogermanischen Wurzeln *er-, *or-, *ir- bedeuten ‘sich in Bewegung setzen, erregen, in die Höhe bringen (auch von Bewegung nach abwärts)’ ((mehr siehe  „[[https://www.dwds.de/wb/etymwb/Reise|Reise]]“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. )) und verweisen auf einen kraftvollen Vorgang mit dem Ziel erfolgreich zurückzukehren, etwas mitzubringen. Bevor es Einzelreisende gab, bildeten sich Reisegesellschaften. Dem entspricht im Englischen //exploration// als ein //process of investigating// hin zu einem lohnenswerten Ziel: Reichtum, Gesundheit, Informationen, Kolonisation ... .\\ Neuzeitlicht verengt sich die Vorstellung den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Die Reise ist nämlich ein Ortswechsel, der von einem dazu geeigneten Menschen unternommen wird aus der Begierde und dem Wunsch, auswärtige Orte zu durchwandern, zu besehen und kennenzulernen, um dort irgendein Gut zu erwerben, das entweder dem Vaterland und den Freunden oder uns selbst nützlich sein könnte«//, ''Samuel Zwicker''  1577 ((zit. nach Justin Stagl: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 1550-1800)) Die indogermanischen Wurzeln *er-, *or-, *ir- bedeuten ‘sich in Bewegung setzen, erregen, in die Höhe bringen (auch von Bewegung nach abwärts)’ ((mehr siehe  „[[https://www.dwds.de/wb/etymwb/Reise|Reise]]“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. )) und verweisen auf einen kraftvollen Vorgang mit dem Ziel erfolgreich zurückzukehren, etwas mitzubringen. Bevor es Einzelreisende gab, bildeten sich Reisegesellschaften. Dem entspricht im Englischen //exploration// als ein //process of investigating// hin zu einem lohnenswerten Ziel: Reichtum, Gesundheit, Informationen, Kolonisation ... .\\ Neuzeitlicht verengt sich die Vorstellung den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Die Reise ist nämlich ein Ortswechsel, der von einem dazu geeigneten Menschen unternommen wird aus der Begierde und dem Wunsch, auswärtige Orte zu durchwandern, zu besehen und kennenzulernen, um dort irgendein Gut zu erwerben, das entweder dem Vaterland und den Freunden oder uns selbst nützlich sein könnte«//, ''Samuel Zwicker''  1577 ((zit. nach Justin Stagl: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 1550-1800))
  
-Die aggressive Bedeutung ist im englischen //rise on// noch lebendig, im Sinne von Segel setzen, kämpfen, plündern, rauben. Dieselbe Bedeutung hat das griechische //Ταξείδιον// (latinisiert tassedium), ursprünglich als eine //expeditio bellica// ‚kriegerische Reise‘ gedeutet ((''Du Cange'': ''Glossarium ad scriptores mediae et infimae Graecitatis'')), wobei die Aufgabe des Anführers //‚procertari‘// genannt wird, also ‚sich auf einen Kampf einlassen‘. Das zugrunde liegende Verb //ταξείδεὑειν// kann auch mit //navigare// (‚segeln‘) übersetzt werden. Im 11. Jahrhundert schließlich bezeichnet das Wort //Taxedion// im Venezianischen eine bestimmte Art von Geschäftsunternehmungen (‚Collegantia‘)  ((''Stefania Gialdroni'', ''Albrecht Cordes'', ''Serge Dauchy'', ''Dave De ruysscher'', ''Heikki Pihlajamäki'' (Hg.)\\ //Migrating Words, Migrating Merchants, Migrating Law. Trading Routes and the Development of Commercial Law.//\\ 337 S. Leiden 2020: Brill. [[https://library.oapen.org/bitstream/id/4b7fab3f-6761-4966-ab65-a0a77a15a2be/9789004416642.pdf|Online]] Dort wird verwiesen auf die Quelle: //Constituta legis et usus of Pisa// von 1146-56. In  Kapitel 12 (De socie tate facta inter extraneos, „Von der Gesellschaft zwischen Fremden") erscheint der Begriff tassedium (gr. Ταξείδιον) 23 mal im Sinne von ‚Handelsreise‘)). Gewinnbringendes Reisen ist das Gegenteil von ziellosem Wandern, es schafft Werte und bringt Nutzen (lat. utilitas > frz. profit). Doiron zitiert //»avec le profit tirer de l’honneur«// ((''Thomas Pelletier''\\ //La Nourriture de la noblesse//\\ XVIII, Du voyager, op. cit., fo 96.)) als ein verbindendes Element von Adel und Bürgertum im Verständnis von Reisen.+Die aggressive Bedeutung ist im englischen //rise on// noch lebendig, im Sinne von Segel setzen, kämpfen, plündern, rauben. Dieselbe Bedeutung hat das griechische //Ταξείδιον// (latinisiert tassedium), ursprünglich als eine //expeditio bellica// ‚kriegerische Reise‘ gedeutet ((''Du Cange'': ''Glossarium ad scriptores mediae et infimae Graecitatis'')), wobei die Aufgabe des Anführers //‚procertari‘// genannt wird, also ‚sich auf einen Kampf einlassen‘. Das zugrunde liegende Verb //ταξείδεὑειν// kann auch mit //navigare// (‚segeln‘) übersetzt werden. Im 11. Jahrhundert schließlich bezeichnet das Wort //Taxedion// im Venezianischen eine bestimmte Art von Geschäftsunternehmungen (‚Collegantia‘)  ((''Stefania Gialdroni'', ''Albrecht Cordes'', ''Serge Dauchy'', ''Dave De ruysscher'', ''Heikki Pihlajamäki'' (Hg.)\\ //Migrating Words, Migrating Merchants, Migrating Law. Trading Routes and the Development of Commercial Law.//\\ 337 S. Leiden 2020: Brill. [[https://library.oapen.org/bitstream/id/4b7fab3f-6761-4966-ab65-a0a77a15a2be/9789004416642.pdf|Online]] Dort wird verwiesen auf die Quelle: //Constituta legis et usus of Pisa// von 1146-56. In  Kapitel 12 (De socie tate facta inter extraneos, „Von der Gesellschaft zwischen Fremden") erscheint der Begriff tassedium (gr. Ταξείδιον) 23 mal im Sinne von ‚[[Handelsreisende|Handelsreise]]‘)). Gewinnbringendes Reisen ist das Gegenteil von ziellosem Wandern, es schafft Werte und bringt Nutzen (lat. utilitas > frz. profit). Doiron zitiert //»avec le profit tirer de l’honneur«// ((''Thomas Pelletier''\\ //La Nourriture de la noblesse//\\ XVIII, Du voyager, op. cit., fo 96.)) als ein verbindendes Element von Adel und Bürgertum im Verständnis von Reisen.
   * ''Doiron, Normand''\\ //L'être et l'espace. Dix-septième siècle.//\\ 3.252 (2011) 489-500. DOI : 10.. [[https://www.cairn.info/revue-dix-septieme-siecle-2011-3-page-489.htm|Online]]   * ''Doiron, Normand''\\ //L'être et l'espace. Dix-septième siècle.//\\ 3.252 (2011) 489-500. DOI : 10.. [[https://www.cairn.info/revue-dix-septieme-siecle-2011-3-page-489.htm|Online]]
  
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 Die Unterschiede zeigen sich bei aller Unschärfe des heutigen Sprachgebrauchs in solchen zusammengesetzten Begriffen ((Durch das Erstglied (= Bestimmungswort) wird das Zweitglied (= Grundwort) näher bestimmt. Oder Fachlich korrekt: Im Determinativkompositum wird die Semantik des Grundwortes durch das Bestimmungswort eingeschränkt. )), in denen sich das Letztglied gegen einen Austausch sträubt, wo -//gang//, -//fahrt//, -//reise// also eine spezifische und ursprüngliche Bedeutung speichern. Die Fahrt wehrt sich gegen Figuren, nicht aber gegen Gruppen (Klassenfahrt, Kreuzfahrer). Der Gang verträgt keine Fortbewegungsmittel; Gang und Reise vertragen keine Fortbewegung. Einzig das Pilgern kombiniert sich zwanglos mit allen drei Konzepten, das Wandern dagegen nicht.\\  Die Unterschiede zeigen sich bei aller Unschärfe des heutigen Sprachgebrauchs in solchen zusammengesetzten Begriffen ((Durch das Erstglied (= Bestimmungswort) wird das Zweitglied (= Grundwort) näher bestimmt. Oder Fachlich korrekt: Im Determinativkompositum wird die Semantik des Grundwortes durch das Bestimmungswort eingeschränkt. )), in denen sich das Letztglied gegen einen Austausch sträubt, wo -//gang//, -//fahrt//, -//reise// also eine spezifische und ursprüngliche Bedeutung speichern. Die Fahrt wehrt sich gegen Figuren, nicht aber gegen Gruppen (Klassenfahrt, Kreuzfahrer). Der Gang verträgt keine Fortbewegungsmittel; Gang und Reise vertragen keine Fortbewegung. Einzig das Pilgern kombiniert sich zwanglos mit allen drei Konzepten, das Wandern dagegen nicht.\\ 
-Der "Gang nach Canossa" von [[wiki:reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|1077]] war keine "Fahrt", weil König ''Heinrich IV.'' auf erleichternde Hilfsmittel verzichtete und auch keine neuen Wege suchte. Er war auch keine Reise, weil ihm der aggressive Aspekt fehlte, der damals mit dem Reisen verbunden wurde, denn der König kam als Büßer und Bittsteller und bat Papst ''Gregor VII.'' den Kirchenbann aufzuheben.+Der "Gang nach Canossa" von [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|1077]] war keine "Fahrt", weil König ''Heinrich IV.'' auf erleichternde Hilfsmittel verzichtete und auch keine neuen Wege suchte. Er war auch keine Reise, weil ihm der aggressive Aspekt fehlte, der damals mit dem Reisen verbunden wurde, denn der König kam als Büßer und Bittsteller und bat Papst ''Gregor VII.'' den Kirchenbann aufzuheben.
  
 ^ Konzept...  ^ [[wiki:gehen|Gang]] ^ [[wiki:fahrt|Fahrt]] ^ [[wiki:reisen|Reise]] ^ ^ [[wiki:wandern|Wandern]] ^ ^ Konzept...  ^ [[wiki:gehen|Gang]] ^ [[wiki:fahrt|Fahrt]] ^ [[wiki:reisen|Reise]] ^ ^ [[wiki:wandern|Wandern]] ^
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   * ''Gesa Mackenthun'', ''Andrea Nicolas'', ''Stephanie Wodianka''\\ //Travel, Agency, and the Circulation of Knowledge.//\\ 316 S. Münster 2017: Waxmann. [[https://d-nb.info/1125897694/04 |Inhalt]] [[https://www.sehepunkte.de/2017/10/30289.html|Rezension]]\\ Siehe insbesondere die Einleitung und die kritische Anmerkung des Rezensenten. Der dort konstruierte Gegensatz zwischen "//travel//" (Reisen) und "//travail//" (Mühsal) einerseits und zwischen Reiselust und Heimatlosigkeit durch Zwang  ist zumindest etymologisch fragwürdig, siehe die Analyse von ''Eskénazi'' zu [[wiki:travel|travail]].   * ''Gesa Mackenthun'', ''Andrea Nicolas'', ''Stephanie Wodianka''\\ //Travel, Agency, and the Circulation of Knowledge.//\\ 316 S. Münster 2017: Waxmann. [[https://d-nb.info/1125897694/04 |Inhalt]] [[https://www.sehepunkte.de/2017/10/30289.html|Rezension]]\\ Siehe insbesondere die Einleitung und die kritische Anmerkung des Rezensenten. Der dort konstruierte Gegensatz zwischen "//travel//" (Reisen) und "//travail//" (Mühsal) einerseits und zwischen Reiselust und Heimatlosigkeit durch Zwang  ist zumindest etymologisch fragwürdig, siehe die Analyse von ''Eskénazi'' zu [[wiki:travel|travail]].
   * ''Mehmetoglu, M.''\\ //A Typology of Tourists from a Different Angle.//\\ International Journal of Hospitality & Tourism Administration, 5.3 (2004) 69–90. [[https://doi.org/10.1300/J149v05n03_05|DOI]]   * ''Mehmetoglu, M.''\\ //A Typology of Tourists from a Different Angle.//\\ International Journal of Hospitality & Tourism Administration, 5.3 (2004) 69–90. [[https://doi.org/10.1300/J149v05n03_05|DOI]]
 +  * ''Torrengo, Giuliano''\\ //I viaggi nel tempo : una guida filosofica//\\ (=Biblioteca di cultura moderna; 1212) VIII, 177 S. Riferimenti bibliografici. Glossario. Indice dei nomi. Roma, Bari 2011: GLF editori Laterza. Inhalt u.a.:
 +    * 1. Tempo ordinario e [[reisen|viaggi]] nel tempo 
 +      * 1.1 L'universo [[dynamik_intentionalen_fortbewegung|dinamico]] e l'universo statico 
 +      * 2.1 Eraclito contro Parmenide 
 +      * 3.1 Il paradosso di McTaggart 
 +      * 4.1 I viaggi nel tempo ordinario 
 +      * 5.1 La teoria causale del tempo e la causalità inversa 
 +      * 6.1 Futuro aperto, determinismo e fatalismo 
 +      * 7.1 [[orientierung|Direzione]] del tempo ed entropia 
 +      * 8.1 Il [[sprachen|linguaggio]] dei viaggi nel tempo
 +    * 2. Viaggiare nello spaziotempo 
 +      * 1.2 Persone, oggetti ed eventi 
 +      * ...
 +    * 3. Macchine e tunnel 
 +      * ...
 +    * 4 I paradossi del viaggio nel tempo: la moltiplicazione dei viaggiatori 
 +      * ...
 +    * 5. Il possibile e l'impossibile nei viaggi nel tempo 
 +      * ...
 +    * Anhang 1. L'ABC della filosofia dei viaggi nel tempo
   * ''Wuthenow, Ralph Rainer''\\ //Die erfahrene Welt//\\ Europäische Reiseliteratur im Zeitalter der Aufklärung\\ 457 S. Frankfurt am Main: Insel 1980   * ''Wuthenow, Ralph Rainer''\\ //Die erfahrene Welt//\\ Europäische Reiseliteratur im Zeitalter der Aufklärung\\ 457 S. Frankfurt am Main: Insel 1980
   * ''Zlatev, Jordan'', ''Peerapat Yangklang''\\ //A third way to travel: The place of Thai in motion-event typology.//\\ S. 159-190 in: Sven Strömqvist, Ludo Verhoeven (Hg.): Relating Events in Narrative: Typological and Contextual Perspectives. Mahwah, NJ 2004: Lawrence Erlbaum   * ''Zlatev, Jordan'', ''Peerapat Yangklang''\\ //A third way to travel: The place of Thai in motion-event typology.//\\ S. 159-190 in: Sven Strömqvist, Ludo Verhoeven (Hg.): Relating Events in Narrative: Typological and Contextual Perspectives. Mahwah, NJ 2004: Lawrence Erlbaum
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